Helden des Alltags: Ralf

Autor: Sillikina C. am 3. August 2012 

Was bedeutete es eigentlich, in dieser visuell orientierten Welt das Augenlicht zu verlieren? Mit dieser Frage, die die meisten Menschen lieber ganz schnell wieder verdrängen, musste sich mein Bekannter Ralf schon früh auseinandersetzen: Mit 19 diagnostizierten die Ärzte einen schweren Verlauf von Retinitis Pigmentosa (RP) und teilten ihm mit, dass er sein Augenlicht in absehbarer Zeit vollständig verlieren würde.

Ralf, blinder ralf, Retinitis Pigmentosa
Bild-Quelle: Sillikina C.

Anstatt auf diese Nachricht hin den Kopf in den Sand zu stecken und sich auf ein Leben in Abhängigkeit als Sozialhilfefall einzustellen, beschloss Ralf, das Beste daraus zu machen: In den Jahren, die ihm bis zu seiner vollständigen Erblindung blieben, bereitete er sich systematisch darauf vor. Er machte eine Ausbildung zum Telefonisten, einer blindentauglichen Arbeit. Er lernte den Umgang mit dem Langstock und sämtlichen anderen Blindenhilfsmitteln, die ihm in irgendeiner Art von Nutzen erschienen und er beschloss im Allgemeinen, so selbstständig und uneingeschränkt wie nur irgendwie möglich zu leben.

Ralf ist jetzt 50 und seit beinahe 15 Jahren vollständig blind. Er arbeitet Vollzeit, bewältigt täglich alleine den Weg mit Bus und Bahn zum Arbeitsplatz, lebt mit Frau und Tochter in seinem eigenen Haus und fährt am Wochenende am liebsten auf den Campingplatz, wo er seinen eigenen Wohnwagen stehen hat – den er ganz alleine instand hält. Seine Mitcamper, die er mit seiner unkomplizierten, lustigen Art längst zu Freunden gemacht hat, nennen ihn liebevoll "El Blindo" – mit dem Zusatz: "…denn er sah nicht, was er tat."

Ralf ist wohl das beste Beispiel dafür, dass man auch als staatlich anerkannter Sehbehinderter nur so behindert ist, wie man sich fühlt.

 

Autor: Sillikina C.

Kategorien: Erfolgsgeschichten Rubriken: Handicap
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